Ayfer Avci: Inklusion ist so viel mehr als die Summe der Einzelteile

Mein Name ist Ayfer Avci und ich bin 43 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen bin ich mit meinen Eltern und 6 Geschwistern in Duisburg. Meine Eltern kamen als türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Zum damaligen Zeitpunkt war der Besuch einer Regelschule aufgrund der Körperbehinderung (Spinale Muskelatrophie) nicht möglich, weswegen ich eine Schule für Körperbehinderte besucht habe. Anschließend bin ich nach Köln gezogen, um das Abitur auf einer gymnasialen Oberstufe für Körperbehinderte zu erlangen. Nach dem Abitur habe ich Psychologie studiert. Seit Beginn meines Studiums werde ich in allen Lebensbereichen von meinen Assistentinnen unterstützt.

Bereits während des Studiums habe ich als Mitglied und später als Vorstand des Referats für Behinderte (AStA) mich für die Belange von studierenden Menschen mit Behinderung an der Universität zu Köln eingesetzt. Nach erfolgreicher Absolvierung des Psychologiestudiums bekam ich eine Anstellung als Diplom-Psychologin in der Frauenberatungsstelle in Bonn. Berufsbegleitend hierzu habe ich die Weiterbildung zur psychologischen Psychotherapeutin in Verhaltenstherapie gemacht. Somit bin ich seit 2013 approbierte psychologische Psychotherapeutin.

In der Frauenberatungsstelle biete ich sowohl Beratung als auch Therapie für Frauen an. In erster Linie berate ich muttersprachlich Frauen mit türkischem Hintergrund. Darüber hinaus wenden sich auch Frauen mit Behinderung an mich. Als langjährige Mitarbeiterin einer autonomen Frauenberatungsstelle setze ich mich vehement für die Selbstbestimmung von Frauen ein, insbesondere von Frauen mit Behinderung und Migrationshintergrund. 2016 habe ich mich im Köln Bonner Raum für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention engagiert, um ein gutes und gerechtes Bundesteilhabegesetz zu erwirken. Im Rahmen dessen habe ich in Kooperation mit dem Zentrum für selbstbestimmtes Leben (ZSL) Köln mehrere Protestaktionen in Köln organisiert.

Geplante Projekte

Als Inklusionsbotschafterin möchte ich mich insbesondere mit zwei Projekten befassen und hier die Inklusion vorantreiben:

1.) Wege zu einem selbstbestimmten Leben für Menschen mit Behinderung aus dem türkischen Kulturkreis

Sowohl im persönlichen als auch im beruflichen Kontext erfahre ich immer wieder, dass vor allem Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen, die einen türkischen Hintergrund haben, die Wege zu einem selbstbestimmten Leben kaum kennen. Diese Personengruppe ist aufgrund sprachlicher, kultureller und struktureller Barrieren besonders aus dem Hilfs-und Unterstützungssystem in Deutschland ausgeschlossen. Wiederholt erlebe ich, dass die Angehörigen von Menschen mit Behinderung aber auch die Betroffenen selber unzureichend über Hilfsmöglichkeiten aufgeklärt sind und im Glauben sind, sich ihrem “Schicksalsschlag“ beugen zu müssen. In der Folge kommt es in diesen Familien mit den erschwerten Anforderungen, die eine Behinderung mit sich bringen kann, zu Überforderung und Hilflosigkeit. Häufig resultiert auch daraus die soziale Isolation. Beispielsweise habe ich 2017 die Reha Care in Düsseldorf besucht mit dem Ziel, Menschen mit Behinderung über das Modell der Assistenz zu beraten. Hierbei lernte ich einen türkischen Vater und seinen heranwachsenden körperbehinderten Sohn kennen. Der Vater berichtete, dass noch ein weiteres Kind die Muskelerkrankung habe und er und seine Frau seit Jahren aufgrund der Bedürfnisse ihrer zwei körperbehinderten Kinder keinen Aktivitäten mehr als Paar nachgegangen seien. Seine Kinder benötigen aufgrund ihrer Behinderung permanente Hilfe. So sei nicht mal ein Kinobesuch möglich. Das Konzept der persönlichen Assistenz war für ihn und seinen Sohn neu und befreiend.

2.) Konzeptentwicklung und Planung des Coaching für angehende Assistenten

Seit mehr als 20 Jahren gestalte ich mein Leben mit Hilfe der Assistenz und führe ein selbstbestimmtes Leben. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Assistentinnen kennen gelernt und Erfahrungen gesammelt. Diese Erfahrungen haben verdeutlicht, dass ein Coaching vor Antritt der Assistenztätigkeit hilfreich und sinnvoll wäre. Eine Möglichkeit wäre ein Gruppencoaching für angehende Assistenten anzubieten und im Gespräch Fragen der Assistenz zu klären und praktische Übungen anhand von Alltagssituation durchzuspielen. Denn im Austausch mit anderen Assistenznehmern hat sich gezeigt, dass Konfliktsituationen sich in der Assistenz sich ähneln und wiederholen. Folglich entsteht dadurch auch eine hohe Fluktuation in den einzelnen Teams. Ein Konzept für das Coaching - ausgerichtet auf die persönliche Assistenz - möchte ich im Rahmen der Tätigkeit als Inklusionsbotschafterin erarbeiten.

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