Eindrücke von Esther und Esther zum 5. Mai

Die Inklusionsbotschafterinnen Esther Grunemann und Esther Schmidt aus Freiburg schildern in ihrem Beitrag "Eindrücke von Esther und Esther“ ihre Gedanken und Erlebnisse zum diesjährigen Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen in Freiburg.

Von Esther Grunemann

Als Sprecherin des AK Inklusion Rieselfeld habe ich am 2.5. eine barrierefreie Lesung des Kinderbuches "bunte Bande" organisiert. Ein sozialräumlicher Bezug war mir wichtiger, als mich ebenfalls in die städtische Großveranstaltung zum 5. Mai miteinzubringen. Ganz konnte ich meine Finger vom großen Event in der Innenstadt am 5. Mai aber dennoch nicht weglassen. Als Mitglied des AKBN e.V., einem wirklichen Selbsthilfeverein und vor allem in meiner neuen Funktion als Beraterin einer Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatungsstelle (EUTB) des AKBN und des Landesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte Stuttgart besuchte ich die Veranstaltung auf dem Platz der alten Synagoge in Freiburg.

Dieser Platz ist nicht barrierefrei für sehbehinderte Menschen, da die Kontraste fehlen, beziehungsweise nur im Randbereich des Platzes vorhanden sind. Auf dem Platz waren viele Stände mit Aktionen und Informationen der Wohlfahrtsverbände und der Selbsthilfevereine. Die Stände und die Themen hatten alle irgendwie mit Inklusion zu tun. Seltsamerweise hat es mich aber alles irgendwie überhaupt nicht berührt. Ist ihre Inklusion nicht meine Inklusion? Oder hab ich nach meiner langjährigen Tätigkeit als ehrenamtliche Behindertenbeauftragte aufgegeben, zu erklären, warum für mich Inklusion bedeutet, wirkliche Barrieren zu beseitigen. Vielleicht bin ich einfach Inklusionsmüde? Wen interessieren schon die wirklichen Zugangshemmnisse. Wen interessiert die langen Umwege, die RollstuhlfahrerInnen fahren müssen, um zum Beispiel zwischen den Regalen an die Dinge zu kommen, die man gerne erreichen würde? Wen berührt das, wenn man sehr lange auf Ersatzhilfsmittel warten muss? Wenn interessiert das, dass Menschen mit Behinderung sehr viele Bewerbungen schreiben müssen und doch keine Stelle bekommen, und die Straßenbahn keineswegs so barrierefrei ist, wie es in den Prospekten steht?

Als die Menschen im Mittelalter das Freiburger Münster anfingen zu bauen, war klar, dass sie es niemals sehen werden, wenn es fertig gestellt ist. Sie haben es dennoch gebaut. Es ist wunderschön geworden. So ist es mit der Inklusion, es ist ein Weg, ein langer Weg, und er ist mühsam und zwischendurch geht einem die Luft und Kraft aus!

Auf dem Inklusionstag spielte die Band "die furchtlosen siebeneinhalb", eine inklusive Band. Großartig, weil musikalisch sehr ausgefeilt, mit sehr engagierten Musikern mit und ohne Behinderung. Ein solcher Tag ist bunt und vielfältig und gerade bei Sonnenschein eine großartige Gelegenheit, viele Menschen zu treffen und sich auszutauschen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Esther Grunemann, Freiburg

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Wie gut passen Inklusion und Protest zusammen?

Von Esther Schmidt,  Freiburg

Inklusion ist ein wohliger, einprägsamer Begriff: er ist „in“, seine lautmalerische Endung „klusio“ klingt harmonisch und weist darüber hinaus auf eine vertrauenstragende Kommunikation.

Protest hingegen ist ein Akt der zivilen Widerspruchshaltung, übt Kritik an Verhältnissen und weist darüber hinaus auf eine Störung im System.

Wie gut passen Inklusion und Protest zusammen?  Ich berichte vom 5. Mai 2018 als Beispiel:

Eigentlich steht seit 1992 der 5. Mai für den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen. Auf Initiative der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) entstanden, erinnert das Datum an die Gründung des Europarates im Jahr 1949 mit der „Aufgabe, einen engeren Zusammenschluss unter seinen Mitgliedern zu verwirklichen.“ In vielen Städten Deutschland findet deshalb eine Demonstration statt, welche auf die widrige Situationen behinderter Menschen aufmerksam macht. Die Vision zielt auf die vollständige Durchsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.

Der 5. Mai in Freiburg wurde dieses Jahr der Aktionstag Inklusion. Der Platz der alten Synagoge verwandelte sich in eine bunte Bühne für alle Akteure rund um das Thema. Vor allem Unternehmen und größere Institutionen waren vertreten, doch auch einige Organisationen der Selbsthilfe beteiligten sich. Ebenso hatte ich mich als Inklusionsbotschafterin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben für die Anmeldung unserer FreibUNI-Projektinitiative (Kurz für: Freiburger Unabhängiges Netzwerk Inklusion) entschlossen. Gemeinsam mit drei Freibuni-lern aus der Selbsthilfe lud ich zum Austausch- und Vernetzungs-Kontakt ein.

Der Tag war günstig, der Ort gut erreichbar mitten ins Stadt-Zentrum gelegt und die Sonne wärmte die Besucher mit ihrem strahlenden Schein. Die Stelle der Behindertenbeauftragten und die der Koordination für Inklusion hatten mit dem Konzept der vielfältigen Informationsstände in Pagodenzelten einen offenen Zugang und mit einem kulturellen Rahmenprogramm eine locker- angenehme Atmosphäre geschaffen. Angeboten wurden zudem beispielsweise inklusive Crêpes, das Ausprobieren von Tandemfahrrädern und das eigenständige Pflanzen von Setzlingen. Ein Treiben, was gefiel.

Barrieren und Exklusionspraktiken waren das Thema der Podiumsdiskussion. Protest wurde hier erstmals laut – wenn auch relativ sittlich leise verhalten. Keiner sprang auf die Barrikade. Es konnte darüber geredet werden. Darüber, das heißt, über eine Gesellschaft noch etwas jenseits vom vervollständigten Gedanken der Inklusion. Denn: Hat nicht auch ein Jeder im Normalen im Laufe sein Lebens selbst erfahren, wie sich Diskriminierung anfühlt? Hat nicht jeder Mensch unabhängig vom eigenen sozialen und gesundheitlichen Hintergrund schon persönlich Benachteiligung durch Ausgrenzung erlebt?  „Nicht so, wie es auf Menschen mit Behinderung zutrifft“- Die Behindertenbeauftragte widersprach entschieden. Nicht jeder Bürger sei zum Beispiel am Besuch seiner Freunde und Verwandten durch Treppen vor Ort behindert.

Die Sicht auf das Außen-Vor und die mangelnden Möglichkeiten, selbstbestimmt eine Wahl zu treffen vereinte jedoch zu guter Letzt. Alle?

Eine weitere Veranstaltung startete am Platz zur selben Zeit. Der Chaostag und ungenehmigt. Dazu kam noch der Megasamstag. Die städtischen Aktionstag-Organisatoren hofften auf gute Polizei-Arbeit. Die Initiatoren und Betreiber des Chaostages signalisierten Solidarität mit dem Tag der Inklusion als ein Tag des Protestes für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Denn: „Chaos als nicht lineares und komplexes System ist eine Möglichkeit, diese Idee vom freien und selbstbestimmten Leben umzusetzen, denn Chaos ist, weil unberechenbar, auch unbeherrschbar.“

„Wer Inklusion will, der muss sie von Anfang an mitdenken, oder etwa nicht?!“ hatte auf den Einladungsflyern der Stadt zum 5. Mai gestanden. Und weiter in der Ausführung: „Das ist nur eine von vielen Fragen, denen wir am Aktionstag Inklusion der Stadt Freiburg auf den Grund gehen.“

Zugehörigkeit versus Selbstbestimmung, Abhängigkeit versus Autonomie – ein Grund-Konflikt. „Inklusion und Protest – geht das Alles in Einem?“ Der 5.Mai zeigt es.

 

Mein eigener Dank an dieser Stelle besonders an Philipp, Martha und Sebastian: Nur durch ihre spontane wie selbstverständlich-helfende Mitwirkung war die FreibUNI-Aktivität an diesem 5.Mai zu realisieren. Weitere Infos zum Freiburger Netzwerk Inklusion gibt's unter http://www.inklusion-freiburg.org/